Printdenken vs. Internetdenken – wie nutzt man die Möglichkeiten des Internets richtig?

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Vielfach wird noch nicht verstanden, dass das Internet ein Medium ist, das anders funktioniert als ein Print-Magazin. Es ist anders, und zudem bietet es auch mehr Möglichkeiten. Papier bearbeitet man auch nicht mit Hammer und Meißel wie einen Stein, gesprochene Texte in Radio und Fernsehen behandelt man anders als geschriebene Texte, so ist auch der Übergang von Print zu Internet der zu einem neuen Medium, das seine eigenen Regeln hat.

Ein paar Hauptpunkte, die ich unten an zwei Beispielen erläutern will sind:

  • Das Internet ist nicht statisch, sondern dynamisch. Eine Webpräsenz, die gepflegt ist, verändert sich stetig, während ein Buch, eine Zeitung oder ein Magazin so bleibt wie es ist, wenn es einmal veröffentlicht ist. Bei einer Webpräsenz kommen immer neue Inhalte dazu, ebenso neue Funktionalitäten und alle paar Jahre auch ein – technisch, aber möglicherweise auch im Design – aktuelleres Layout. Das betrifft dann auch die alten Seiten.
  • Der Hyperlink ist ein entscheidendes Feature einer Publikation im Netz. Ein Artikel im Web ist erst richtig dort, wenn er auch mit anderen Artikeln im Netz verbunden ist, also im wörtlichen Sinne in ein Netz eingebunden ist (mehr dazu unten). Auch die Artikel und Infos innerhalb der eigenen Seiten sollten – natürlich nur da, wo es passt – untereinander verlinkt sein.
  • Alle im Netz zur Verfügung stehenden Medien sollten genutzt werden. Eine Publikation im Netz ist nicht Print online, sondern auch Fernsehen und Radio. So gehören zu einer Netzpublikation auch Video und Audio. Das Nutzungsverhalten im Internet ist auch anders, so dass lange, unübersichtliche Texte oft nicht entsprechend angenommen werden.
  • Eine Netzpublikation ist nicht nur über Hyperlinks mit anderen Seiten verbunden, sondern auch über Social Media mit potentiell Interessierten. Das beinhaltet auch eine Diskussion mit den Leser/innen im Idealfall auf Augenhöhe, wie es sie früher nicht gab (was nicht heißt, dass man diese „Diskussionen“ auch manchmal unterbinden muss und darf).

Ich habe mich in letzter Zeit mit zwei Publikationen befasst, die an sich eine gute Idee sind, aber zumindest in ihrer Funktionalität im Internet scheitern, weil sie noch dem Printdenken verhaftet sind. Eine davon erscheint tatsächlich als – übrigens sehr gut gemachtes – Print-Magazin, die andere ist von Anfang an als Online-Projekt gestartet, wo dieses Herangehen dann besonders fatal ist.

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Beispiel 1: Das TrenntMagazin

Zunächst möchte ich beispielhaft das TrenntMagazin anschauen. Dieses Printmagazin wird im Auftrag der Berliner Stadtreinigung von einer Werbeagentur erstellt. Wie allgemein die Außendarstellung der BSR beispielhaft gelungen ist, ist auch das Magazin im Gegensatz zu vielen Magazinen von Organisationen und Firmen wirklich sehr lesenswert und schön aufgemacht. Dafür hat es auch gerade einen Preis gewonnen. Es erscheint vier Mal im Jahr. Alle Artikel aus der Printausgabe sind auch auf einer sehr schön gemachten Website online zu finden. Das TrenntMagazin ist auch bei allen gängigen Social Media zu finden.

Das ist alles eine super Grundlage – aber jetzt kommen die Haken. Drei Sachen könnten der Popularität des Magazins und der Verbreitung der Inhalte enorm helfen:

1. Eine stärkere Präsenz in den Social Media. Hier wird nur Facebook bedient, und das nur sporadisch. Ohne viel Zusatzarbeit könnte man die gleichen Infos auch auf Google+ und Twitter posten, die jeweils ihre eigenen Leser/innengemeinden haben und somit mehr Leute erreichen. Zudem ist es angebracht, regelmäßig zu posten, weil man so besser in Kontakt mit den Interessent/innen bleibt. Auch sollte der Ton der Postings und der Diskussion sachlich, aber entspannt und nicht extrem formal sein (mehr zur Betreung von Social Media hier).

2. Kurzmeldungen direkt fürs Web. Ebenfalls mit realtiv wenig Kosten könnte man regelmäßige aktuelle Kurzmeldungen oder überhaupt Kurzmeldungen fürs Web erstellen bzw. die von der BSR übernehmen und so die Verbindung zum Unternehmen noch einmal herstellen (und Kosten sparen). Welchen Vorteil bringt das? Mehrere: Einerseits wird im Web anders gelesen als in einer Printpublikation. So lesen die meisten Internetnutzer/innen eher Kurzmeldungen mit knackigen Infos als lange, ausführliche Texte. Die Gestaltung der Texte ist auch anders (z.B. mehr Zwischenüberschriften, die das Lesen am Bildschirm erleichtern) und vor allem kann man weitere Medien einsetzen, wie Videos und Audio. Mit mehr Content auf der Seite wird man auc über Suchmaschinen besser gefunden – auch anspruchsvolle Kurzmeldungen lassen sich schneller erstellen als eine ausführiche Reportage. Zudem wird die Seite so häufiger angeklickt, was ebenfalls bei den Suchmaschinen zu einer Auflistung unter den ersten Ergebnissen verhilft. Das ist wichtig, weil viele Leute nach Themen eben über diese Suchen. Und ein hochgradig unterschätzte Sache ist bei allen, die dem alten Printdenken anhängen etwas, was das Publizieren im Netz zentral ausmacht: Der Hyperlink.

3. Hyperlinks setzen Hyperlinks sind eine viel missachtete Grundlage des Publizierens im Netz. Wenn man das vergisst, setzt man einfach einen Printtext ins Netz, und beachtet die Tatsache nicht, dass man in einem neuen, anderen Medium arbeitet. Darum heißt es Netz, weil es ums Verneten geht: Ein Text, der nicht mit anderen Texten verbunden ist ist quasi kein Teil des Internets, auch wenn er da technisch drinsteht. Über Hyperlinks erfahren die Leser/innen Hintergründe zu Teilaspekten, die im Text nicht genauer beleuchtet werden können, aber an anderer Stelle im Netz genauer erklärt werden. Das ist sehr hilfreich, wenn man sich mit einem Thema vielleicht nicht so gut auskennt oder auch ein Wort und dessen genaue Bedeutung, wie z.B. „Upcycling“ nicht genau versteht. Andere Texte verweisen wiederum auf den eigenen Text, weil er eben Hintergrundinfos zu etwas liefert, was dort nicht genau erklärt werden soll / kann. Wenn ich z.B. auf meiner Seite Plan A(lternative) etwas zum Kompostieren in der eigenen Wohnung schreibe, werde ich erwähnen, dass Berlin eine Vorbildliche Biomüllentsorgung hat, und dabei mit einem Link auf den entsprechenden Artikel im TrenntMagazin verweisen.

Viele Zeitungen und Magazine, die ihre Inhalte auch online anbieten, haben das Prinzip, was auch ihnen anfänglich schwer fiel, inzwischen verstanden. Vorbildlich ist hier z.B. Zeit Online und auch schon länger SPEX.de, auch in der Social-Media-Nutzung vorbildlich. Das ganze schaffen letztere auch mit einem deutlich kleineren Etat als die vor einiger Zeit teuer – aber nützlich – generalüberholte Zeit-Webpräsenz, für die zudem noch ein ganzes Team an Social-Media-Mitarbeiter/innen bereit steht.

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Beispiel 2: Futurzwei

Futurzwei ist ein Online-Projekt des Sozialwissenschaftlers Harald Welzer, das von Mäzenen finanziert wird. Hier geht es darum, Geschichten über Menschen zu sammeln, die in ihrem Leben und Handeln vorbildlich in puncto Nachhaltigkeit sind.

Tolle Idee, und da Welzer bekannt ist und zudem finanziell unterstützt wird, sind die Startvoraussetzungen besser als bei den meisten anderen Webprojekten. Er kann Mitarbeiter/innen für die Texte bezahlen und bekam für den Seitenlaunch Beachtung in allen großen Medien. Leider wurde hier Printdenken auf eine Website angewandt, die gar nicht im Print erscheint. So hat man sich die Möglichkeit verspielt, gleich zu der Popularität zu gelangen, die so möglich gewesen wäre. Und dabei geht es gar nicht darum, mit billigen Inhalten oder anderen Tricks möglichst viele Leser/innen auf die Seite zu locken – sondern mit einer ansprechenden Gestaltung gute Inhalte and den Mann bzw. die Frau zu bringen. Frühe Kritik von Webexperten verhallte offenbar ungehört.

„Anders sein“ heißt nicht, alte Konzepte auf ein neues Medium zu übertragen, „gegen Konsum“ nicht, dass man es den Leser/innen unnötig schwer machen muss, die Seite zu bedienen, Artikel überhaupt zu finden und dann ganz zu lesen. Das ist leider bei FuturZwei der Fall.

1. Design Absicht von FuturZwei ist es, ein Archiv für die Zukunft anzulegen. Warum zu Kuckuck allerdings mit Frakturschrift und Packpapierdesign? Und mit einem Gestaltungskonzept, dass ca. fünf Jahre vor dem Launch von FuturZwei up to date war? Will man den Stand der Dinge dokumentieren, muss man entweder konsequent ein Design verwenden, das in der Anfangszeit des Internets üblich war, wie es z.B. Fefes Blog tut. Fefe ist übrigens auch einer der Wenigen, die sich erlauben kann, konsequent nicht in den Social Media vertreten zu sein, denn er ist in seiner Gemeinde sehr bekannt und deren Mitglieder verlinken seine Artikel auf ihren Präsenzen. Zudem schreibt er immer wieder besondere Artikel, die von den Internetfans freiwillig aufgegriffen werden, weil er was zu sagen hat.

Eine zweite Möglichkeit wäre gewesen, ein Design zu wählen, was genau zur Entstehungszeit des Blogs cutting edge ist. Da muss man sich keine Sorgen machen – das ist in kürzester Zeit retro. Webdesign ändert sich nicht nur aufgrund von Modetrends, sondern auch neuen technischen Entwicklungen und besseren Möglichkeiten und Ideen zur übersichtlichen und funktionalen Gestaltung relativ schnell. Und anders als bei einem Buch sieht eine Seite, ein Artikel, den man einmal gestaltet hat nicht für immer so aus. Es ist eben das Tolle am Webdesign, dass man die Seite insgesamt zur gegeben Zeit dem neuesten Stand der Entwicklung anpassen kann (und auch bis auf kuriose Ausnahmefälle muss, um seine Leser/innenschaft zu behalten). Das war bis Ende der Nuller Jahre noch nicht so einfach möglich. Aus dieser Zeit finden sich dann auch von heute sehr aktuell gestalteten Websiten kuriose Überbleibsel online, wo der Aufwand der Übertragung auf die aktuellen Seiten damals offenbar noch zu groß war, z.B. bei der BBC (alt / neu).

Meine Idee für eine Seite, die möglichst zeitlos wirken soll, wäre ein ganz schlichtes Layout, aber mit allen Möglichkeiten, die das Websdesign heute zu bieten hat. Die lässt sich dann auch relativ unauffällig updaten, wenn es wieder an der Zeit ist. Überhaupt ist auch eine Website etwas „lebendiges“, und eine Veränderung auch des Designs und der Funktionalität gehört dazu.

2. Funktionalität Die Menschen dazu anzuregen, mehr selber aktiv zu werden und nicht einfach zu konsumieren, ist eine tolle Sache. Ob es dann allerdings der kluge Weg ist, die Navigation und Übersichtlichkeit der eigenen Website so zu verkomplizieren, dass sich die geneigten Leser/innen erstmal daran abarbeiten, ehe sie – wenn sie es denn schaffen – an die Inhalte kommen, ist eher fraglich. Das ist eben auch eine Errungenschaften des modernen Weblayouts, dass man die Inhalte schnell findet, gut lesen kann und auch einen Überblick hat, was die Seite so anbietet, verwandte Artikel findet etc.. Ansonsten ist der Erfolg höchstens weniger „Konsum“ dessen, was man eigentlich mitteilen möchte – 99% der Leute wird das nämlich zu blöd sein und sie werden die Seite wieder verlassen. Damit hat man nichts erreicht – da muss man etwas kreativer werden und z.B. in den Artikeln Anregungen geben, selber aktiv zu werden, oder Möglichkeiten zum Mitmachen anbieten, wie z.B. über Communitys / Foren, von Leser/innen verfasste Artikel, Kommentarfunktionen etc.

Auch hier wäre die völlige Ignoranz gegenüber Hyperlinks, Textlänge, -aufbau und -gestaltung sowie die Absenz in den Social Media anzumerken, die keinswegs innovativ oder im guten Sinnen „anders“ ist. Dazu habe ich aber oben schon etwas geschrieben und zwei positive Beispiele einmal mit wenig und einmal mit viel Etat aufgeführt.

Wenn Sie Beratung für Ihr Webkonzept wünschen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung – wenn Sie ein Gesamtpaket wünschen, gern auch in Zusammenarbeit mit einem guten Programmierer (Kontakt).

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  1. […] Als relevantes Medium gelten Gedrucktes (Buch, Zeitung, Zeischrift u.ä.), Online, Hörfunk und Fernsehen, Podcasts, digitale Offline-Produkte (Texte mit gesprochenem Wort auf CD / DVD) und von Anderen gehaltene Vorträge bzw. Lesungen mit dem eigenen Material. Bestimmte Medien werden jedoch gesondert behandelt (s.u.), und in den verschiedenen inhaltlichen Aufschlüsselungen (Sachbuch, Wissenschaft, Belletristik) werden diese Medien auch unterschiedlich behandelt. Bei Online gilt effektiv nur “Print Online“. […]

  2. […] Dafür haben sie noch nicht verstanden, dass Sprachwerke im Internet nicht notwendigerweise Print Online sind. Podcasts oder innovativere Konzepte werden bisher noch gar nicht berücksichtigt bzw. es […]

  3. […] Wortbetrieb: Printdenken vs. Internetdenken . . . […]

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