Zum Tod von David Bowie – biografisches Feature und Erinnerungen von Tony Visconti

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Heute wurde bekannt, dass der Musiker David Bowie gestorben ist. Vor neun Jahren habe ich ein Feature zu seinem 60. Geburtstag für den Bürgersender Radio Flora Hannover gemacht. Dort habe ich einen Überblick über seine Karriere und seine kulturellen Einflüsse gegeben. Als Erinnerung an einen der wichtigsten Musiker der Rockgeschichte kann man hier den Beitrag noch einmal nachhören.

2007 habe ich ein Interview mit David Bowies langjährigem Produzenten Tony Visconti geführt, der auch viele hochinteressante Stories aus seiner Zeit mit dem Künstler im Repertoire hatte, da diese ihn offenbar sehr prägte. Auch daraus habe ich ein paar Ausschnitte hochgeladen, in denen es darum geht, wie er Bowie kennenlernte und wie er die Zeit in Berlin erlebt hat. Leider konnte er irgendwann nicht mehr weiter reden , da er den ganzen Tag Interviews gegeben hatte und wir schon ausführlich über sein Buch und seine Arbeit mit Marc Bolan gesprochen hatten. Trotzdem sind die Einblicke sehr interessant.

Bildquelle: Wikipedia / Jean-Luc

David Bowie Feature Radio Flora by Popkontext2 on Mixcloud

Tony Visconti on working with David Bowie by Popkontext2 on Mixcloud

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Practice German Free of Charge – kostenloses Lernangebot des Goethe-Instituts

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Das Goethe-Institut bietet Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, nicht nur die entsprechenden Kurse vor Ort an. Interessierte können ihre Sprachkenntnisse auch online verbessern – und das sogar kostenlos. Für die Angebote von „Deutsch für Dich“ muss sich auf der Seite lediglich registrieren, um eine Vielfalt an Online-Übungen nutzen zu können. Es finden sich interaktive Lernspiele, ein Experten-Chat zu allen Aspekten der deutschen Sprache, ein Forum, in dem sich die Nutzer austauschen können und Gruppen, in denen man sich ebenfalls austauschen und Lernpartner/innen finden kann.

Das Angebot richtet sich an Lernende aller Stufen. Anleitungssprache ist Englisch. Zudem gibt es sogar ohne Registrierung verschiedene Apps wie einen Vokabeltrainer und Games zur Sprachübung. Mit der interaktiven Multimediakarte „Our Street“ sollen Alltagssituationen durchgespielt und die Vokabeln gefestigt werden. Gleichzeitig werden die Lernenden mit dem prototypischen deutschen Alltag vertraut. Bei „German Cities and Landscapes“ kann man neben den Deutsch- auch die Geografiekenntnisse prüfen und verbessern.

„Deutsch für Dich“-Website

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Praxisworkshop: Blogs und Websites mit WordPress erstellen

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Verlauf und Ziele des Workshops
> Gemeinsames Erstellen einer Website mit integriertem Blog in einem CMS (WordPress)
> Teilnehmer/innen sollen befähigt werden, selber eine Webpräsenz zu erstellen
> Eigene Projekte könne als Praxisbeispiele genutzt werden

Lernziel
> Theorie und Praxis von Webseitenerstellung in einem CMS sollen verstanden werden
> Ein grundsätzliches Verständnis dafür, wie „das Netz“ funktioniert, soll entwickelt werden
> Je nach zeitlichem Umfang können auch Schreiben für Blogs und Nutzung von Social Networks vermittelt und geübt werden und ein Überblick über Social Media gegeben werden.

Zeitrahmen und buchbare Module
> Konzeptionieren einer Website
> Gemeinsames Erstellen einer Website (mindestens zwei Tage empfohlen)
> Schreiben für eine Website (ein Tag)
> Grundlagen der Bild-, Video- und Audiobearbeitung
> Was sind Social Media / Social Networks (Vortrag mit Beispielen, Übung möglich)

Ein umfassendes Seminar kann ein bis drei Woche umfassen, ein Kurzanstieg kann in einem Wochenendseminar angeboten werden.

Beispielhandout (PDF)

Treten Sie bei Interesse gern mit mir in Kontakt!

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Speakerinnen.org: Liste weiblicher Fachkräfte für Vorträge bei Veranstaltungen

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Es ist ein Klassiker: Auf den Podien bei Fachveranstaltung sind in den meisten Fällen mehrheitlich Männer zu finden. Nicht zu selten fast ausschließlich, höchstens mit einer „Quotenfrau“. Das beklagen weibliche Fachkräfte schon länger und seit kurzem wird es sogar ausgezählt, auf dem Blog 50Prozent, der leider meistens den gefühlten Männerüberschuss in Zahlen bestätigt.

speakerinnen

Fragt man die Organisator/innen, bekommt man die fast immer die Antwort: Wir haben ja versucht, Frauen zu finden, aber es gab keine. Damit diese Ausrede nicht mehr gilt, wurde jetzt als Projekt der Rails Girls Berlin eine Speakerinnenliste eingerichtet. Hier können sich Expertinnen eintragen, und Verantalter/innen können in der Liste nachschauen, welche Frauen es im jeweiligen Fachgebiet gibt und sie entsprechend einladen. Ziel ist es, die Podien geschlechtergerecher zu machen, denn eine weibliche Sicht auf ein Thema ist genauso relevant wie eine männliche. Veranstaltungen brauchen mehr Diversität, und die nächste Generation weibliche Vorbilder, so dass sich die Geschlechterverhältnisse normalisieren und Frauen als Expertinnen genauso viel Anerkennung bekommen und zum Diskurs beitragen wie ihre männlichen Kollegen.

Ein besonderer Schwerpunkt, da es hier noch stärkere Defizite gibt, liegt auf Frauen in Naturwissenschaft und Technik. Jedoch ist die ganze Bandbreite an Themen vertreten, denn auch in den sozialwissenschaftlichen Fachgebieten, im Bereich Kultur, Recht und Medien kommen Frauen noch zu wenig als Expertinnen zu Wort.

Noch ist die Liste im Aufbau, und potentielle Speakerinnen sind eingeladen, sich in die Liste einzutragen. Sie werden dann durch die Betreiberinnen bestätigt. Es wird darum gebeten, die Liste auch weiter bekannt zu machen, besonders in naturwissenschaftlichen und technischen Netzwerken.

Website Speakerinnen.org

Zuerst veröffentlicht auf Plan A(lternative)

Seien Sie der oder die Erste!

Ausschreibung Medienwettbewerb: Future Storytelling zum Anthropozän-Projekt des HKW

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Zum Abschluss des Anthropozän-Projekts schreibt das Haus der Kulturen der Welt Berlin in Kooperation mit dem Medieninnovationszentrum Babelsberg einen Wettbewerb zu Future Storytelling aus. Er richtet sich an angehende Journalist/innen, Mediendesigner/innen, Filmemacher/innen, aber auch Autodidakt/innen und andere Interessierte.

Foto: HKW / © CATK, Berlin

Foto: HKW / © CATK, Berlin

Naheliegender Weise geht es um die die These vom Anthropozän. Die besagt, dass wir uns in einem neuen geologischen Zeitalter befinden – eines, in dem der Mensch die Erde gestaltet. Sie wird weltweit in Wissenschaft, Kunst und Politik diskutiert und war Mittelpunkt der Ausstellungsreihe im HKW, die in diesem Jahr zu Ende geht. Die Fragestellung ist: Welche Geschichten – ob Fiktion, Non-Fiktion, Mythologie oder Historie – lassen sich crossmedial zum Anthropozän erzählen?

Dazu können interessierte Teilnehmer/innen ein Kurzexposé einreichen. Die zehn besten Exposés werden mit Workshops, Mentoring und einem Produktionszuschuss für Bild- und Musikrechte gefördert. Eine renommierte Jury wählt aus den fertigen Arbeiten die drei besten aus, die ein Preisgeld von 3.000, 2.000 und 1.000 Euro erhalten. Die zehn Produktionen werden im Herbst 2014 zum Abschluss des Anthropozän-Projekts im HKW sowie online präsentiert.

Das Exposé mit maximal zwei Seiten und ein kurzer Lebenslauf müssen bis zum 30. April 2014 an storytelling@hkw.de gesandt werden, um am Wettbewerb teilzunehmen.

Ankündigung auf der Seite des HKW

Zuerst veröffentlicht auf Popkontext.de

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Pete Seeger – Die gute Seele Amerikas

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Der US-amerikanische Musiker und Aktivist Pete Seeger hat fast ein Jahrhundert US-amerikanischer Geschichte miterlebt – und mitgeprägt. Am vergangenen Montag starb er in seiner Heimatstadt New York.

Seinen politisch und vielleicht auch menschlich erfüllendsten Moment erlebte Pete Seeger wohl bei der Amtseinführung Obamas 2009. Der alte Herr stand an diesem kalten Januarnachmittag mit seiner bunten Bommelmütze vor dem Capitol, hinter ihm ein Chor aus jungen Amerikaner/innen jeglicher ethnischer Herkunft. Neben ihm ein aus seiner Perpektive jungen Mann, mit dem er nicht nur die Bühne, sondern auch eine Vision teilte: Bruce Springsteen.

Gemeinsam sangen sie vor einem weltweiten Publikum einen Song seines alten Freundes Woody Guthrie – This Land Is Your Land. Seeger hatte darauf bestanden, dass sie alle sechs Strophen singen, auch die, welche bei dieser heimlichen zweiten Nationhymne der USA meistens weggelassen werden. Darin geht es darum, dass die Menschen in diesem reichen Land in Suppenküchenschlangen stehen müssen. Inspiriert von der Großen Depression der 1930er, waren diese Zeilen in der Finanzkrise wieder hoch aktuell, ebenso die Zeilen, die an einer grundamerikanischen Idee kratzten, der vom Privateigentum: „A sign was painted said: Private Property /But on the back side it didn’t say nothing / This land was made for you and me.“ Hier stand Seeger und konnte im Zentrum der Macht ungehindert von den Werten erzählen, für die er sein Leben lang gekämpft hat, oft gegen heftige Widerstände und unter schweren staatlichen Repressionen. Jetzt war er auf Einladung des Präsidenten hier, des ersten Afroamerikaners im Weißen Haus, in den viele Progressive enorme Hoffnungen steckten.


 

Ein Mann aus einer anderen Zeit

Pete Seeger stammte aus einer anderen Zeit. Er war geprägt von den sozialen und politischen Kämpfen der Großen Depression, der US-amerikanischen Ausformung der Weltwirtschaftskrise, die sich von den frühen 30ern bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hinzog. In dieser Zeit erlebte das Land einen politischen Linksruck: Der ungezügelte Kapitalismus hatte offensichtlich versagt und Leid über die Menschen des Landes gebracht. Die gerade geborene Sowjetunion schien vielen als eine gesellschaftliche Alternative. Kommunisten und andere Linke organisierten starke Gewerkschaften – die mächtigste wurde die radikale CIO, die auch die Ungelernten, frisch Eingewanderten und Nichtweißen ohne Einschränkungen aufnahm. Auch viele Künstler/innen sympathisierten mit linken Idealen.

Der neue Präsident Franklin D. Roosevelt trug dem Rechnung. Er schaffte zwar den Kapitalismus nicht ab, sondern rettete ihn quasi, aber er setzte neben den wirtschaftlichen viele wichtige soziale Reformen durch, die in Europa zum Teil schon lange Standard waren. Er bestrafte zudem die Banker und ordnete ein gewaltiges staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm an, das auch Künstler/innen förderte. Viele Künstler/innen sahen sich wiederum als Teil einer Bewegung, die die Gesellschaft verändern, eine bessere Zukunft schaffen will, Autor/innen, Regisseur/innen und Musiker/innen. Zu diesen gehörte der junge Pete Seeger. Es war eine Zeit vor dem Zynismus, die Musik war in der Folkszene so sehr mit ehrlichem politischem Engagement verbunden, dass die weniger politischen Musiker, die traditionelle ländliche US-amerikanische Musik pflegten, sich später mit der Bezeichnung „Country“ abgrenzten, um nicht in Kommunismusverdacht zugeraten.

Foto: Wikipedia / LOC

Pete Seeger 1955 Foto: Wikipedia / LOC


 

Sowohl seine Musik als auch seine Haltung hatte Seeger bereits mit in die Wiege gelegt bekommen: Er war ein so genantes Red-Diaper-Baby, ein in roten Windeln gewickeltes Baby, wie man Leute nannte, deren Eltern überzeugte Kommunisten waren. Seine Eltern kamen aus alt eingesessenen Neu England-Familien, deren Vorfahren bis zur Mayflower zurückreichten und sie so quasi zu amerikanischem Adel machten. Charles Seeger war ein in Harvard und Köln klassisch ausgebildeter Musiker. In Mexiko City geboren, wo sein Vater ein Geschäft hatte, wurde er durch die mexikanische Revolution Anfang des Jahrhunderts politisiert, noch mehr unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs. Auch Mutter Constance war Musikerin und Komponistin.

Sein Vater sprach sich eher zum Leidwesen der Mutter laut und öffentlich für politische und soziale Gerechtigkeit aus. Er redete nicht nur, er handelte auch: Als Seeger ein Baby war, unternahm die gesamte Familie auf Geheiß des Vaters waghalsige Planwagen-Fahrten in die ländlichen Gebiete der Ostküste. Hier wollte er die einfachen Farmer von der glückseeligmachenden Wirkung moderner klassischer Musik überzeugen. Später versuchte Seeger Senior das auch bei den Arbeitern. In beiden Fällen musste er feststellen: Die Leute haben ihre eigene, ebenso gute Musik, mit der sie auch viel mehr anfangen können.
 

Politische Folkmusik als Lebensinhalt

Seeger Junior wandte sich selber recht schnell der ländlichen US-amerikanischen Folklore zu. Nach einen abgebrochenen Harvard Studium begann er Ende der 1930er für Alan Lomax zu arbeiten, der seinem Vater, dem Folkforscher John Lomax, nacheiferte und die Folkabteilung der Library of Congress leitete. Der hatte gerade eine Riesenladung alter Schellackplatten gerettet, die CBS entsorgen wollte, weil sie keiner mehr haben wollte. Seegers Aufgabe war es, diese tausenden 78er-Scheiben durchzuhören, nach Qualität zu beurteilen und nach Art zu sortieren.

Dann kam eins zum anderen: Anfang 1940 lernte er den sieben Jahre älteren Woody Guthrie kennen, einen schrägen, wilden Typen, der gerade Mitten im Winter einmal quer durch die USA nach New York getrampt war. Dieser Frauenheld, der sich nie wusch und sich als abgerockter Hobo gerierte, war eine weitere Offenbarung für den schüchternen, trotz aller Merkwürdigkeiten wohlbehütet-gutbürgerlich aufgewachsenen jungen Seeger. Das ganz Besondere war: Dieser Guthrie stammte wirklich mehr oder weniger vom Land, aus dem Mittelwesten. In Wirklichkeit zwar aus einer Mittelklassefamilie, und aus der Kleinstadt, aber er wusste den einfachen Farmer zu geben, der das Idol der urbanen Ostküsten-Folkszene war. Mit Guthrie reiste Seeger bald selbst als Hobo durch die USA, lernte, aus fahrenden Zügen zu springen, und die Tricks, als Straßen-Musiker Leute für sich zu begeistern. Sie schrieben gemeinsame Songs wie das mitreißende Gewerkschaftslied Union Maid.

Woody_Guthrie

Woody Guthrie // Foto: Library of Congress


 

Die beiden unterschiedlichen Männer wurden lebenslange Weggefährten. Im Sommer nach ihrer erste Bekanntschaft hatte sich der junge Seeger bei diversen ländlichen Festivals bei den Farmern die Technik abgeschaut, wie man das fünfsaitige Folkbanjo mit dem langen Hals richtig spielte. So gewann er musikalische Souveränität und konnte es mit dem routinierten Guthrie aufnehmen. Zunächst spielten sie ab 1941 gemeinsam in den Almanac-Singers, die politische Folkmusik in New York und darüber hinaus bekannt machten.

Damals waren Akustikgitarren, die man durch die Stadt trug, noch so ungewöhnlich wie ein achtköpfiges Tubaorchester, und Seeger sagte, dass Guthrie der erste gewesen wäre, den er mit einer Jeans als Alltagskleidung gesehen hätte. Sie lebten mit ihrem Mitmusiker/innen in einer Kommune nahe dem Central Park, wo sie regelmäßig im Keller für einen kleinen Mitzuschuss öffentlich musizierten, in so genannten Hootenanny. In der Gemeinschaftskasse fand sich trotzdem oft selbst im strengsten Winter nicht genug Geld für die Heizung. Zunächst sangen sie strikt Antikriegssongs, weil sie die Krieg als kapitalistische Profitmaschine sahen – mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion schwenkten sie doch im Sinne des Antifaschismus auf Patriotismus um. Damit waren damit sie kurzfristig nicht nur ganz weit vorn, weil sie schnell aktuelle Songs produzierten, sondern auch sehr beliebt.

Schon davor waren sie auf eine selbst organisierte USA-Tour gegangen, bei der sie nur auf Gewerkschaftsveranstaltungen sangen. Hier machten sie die Erfahrung, dass man sich als urbane/r Mittelklässler/in nicht unbedingt Freunde macht, wenn man sich einfach kleidet wie die Fabrikarbeiter/innen. Die hatten sich für den Anlass nähmlich ihren Sonntagsstaat angezogen und fühlten sich verspottet. Auch die Agentin des FBI, die der Tour heimlich folgte, fand die Band schmuddelig. Es war aber die kommunistische Haltung, die den FBI zum Anlass nahm, ihre Karriere zu torpedieren, als sie schon einen Vertrag mit Decca in der Tasche hatten. Dieses hatte nach längereren bürokratischen Stockungen wie z.B. Platten als „Beweisstücke“, die beim Transport zerbrochen waren, die frühen „unpatriotischen“ Antikriegssongs entdeckt und lancierten eine Zeitungskampagne gegen die Band.


 

Kommerzieller Erfolg und antikommunistische Repressionen

Dann kam der Krieg. Seeger diente im Pazifik, wo er Musik-Workshops gab und Truppenunterhaltung machte. Nach dem Krieg fanden er, Guthrie und andere aus der alten Szene sich wieder zusammen. Und es kam einen neue Generation dazu. Mit People’s Songs gründete man eine Gewerkschaft für Folkmusiker/innen, die auch ein Magazin herausgab und Jobs vermittelte. Zunächst war auch sie sehr erfolgreich, bis wieder die antikommunistische Politik einen Strich durch die Rechnung machte. Der bis heute gültige Taft Hartley Act von 1947 verbot das Engagement von Kommunisten in den Gewerkschaften. Das war das Ende des Geschäftsmodells von People’s Songs, da die kommunistisch geprägten Gewerkschaften ihre Kooperationspartner waren. Jetzt wollte man niemanden mehr engagieren, der mit Kommunismus in Verbindung stehen könnte. Seeger war kurz davor, das Banjo an den Nagel zu hängen und als Arbeiter in einer Dosenfabrik anzufangen, weil er schlichtweg nichts mehr zu Essen hatte und seine Miete nicht mehr zahlen konnte.


 

Da kam ein neues kleines Wunder in sein Leben: Mit seiner neuen Band, The Weavers, hatte er einen völlig unerwarteten Radiohit; Goodnight Irene, geschrieben von seinem Freund, dem afroamerikanischen Musiker Leadbelly. Die Weavers, die sich unpolitischer, kommerziell aufgehübschter globaler Fokmusik verschrieben hatten, wurden plötzlich zu unfasslichen Gagen in die besten Clubs der USA eingeladen. Doch auch hier fielen ihnen auf der Höhe ihrer Popularität die früheren politischen Aktivitäten einzelner Mitglieder auf die Füße: Die finstersten Tage der McCarthy-Zeit hatten begonnen, auch zur Freude des FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der schon seit dessen Gründung 1924 auf eine antikommunistische Politik gesetzt hatte.

Künstler/innen, Regisseur/innen und Publizist/innen mit vermeintlichen oder tatsächlichen Sympathien für kommunistische Ideale wurden nun, Anfang der 50er, im ganzen Land auf schwarze Listen gesetzt. Sie verloren ihre Lebensgrundlagen, da niemand sich mehr traute, mit ihnen zu arbeiten. 1955 gelang den Weavers aufgrund des Engagements ihres Managers Harold Leventhal noch einmal ein sensationelles Comeback: Obwohl niemand Räumlichkeiten an Künstler/innen vermieten wollte, die auf der schwarzen Liste standen, gelang es diesem, nicht nur die berühmte New Yorker Carnegie Hall zu bekommen, sondern diese auch innerhalb kürzester Zeit auszuverkaufen. Das Konzert schnitt Leventhal auf eigene Kosten mit. Es wurde später, auf Vinyl gepresst, zum Zeitzeugnis für folgende Generationen.

Foto: Damien Drake

Foto: Damien Drake


 

Saat einer neue Folkmusikgeneration

Bald darauf stand Seeger kurz davor, für lange Jahre ins Gefängnis zu gehen: Er war als Zeuge vor das berüchtigte Büro für unamerikanische Tätigkeiten geladen worden und hatte gewagt, die Aussage zu verweigern – und zwar nicht, weil er sich damit selber gefährden könnte, sondern er berief sich auf die im First Amendment verankerte Meinungsfreiheit. Das wurde als Affront gegen den Ausschuss bewertet. Er entkam dem Gefängnis, aber durfte nur noch für Kinder spielen, weil man ihn dort für ungefährlich hielt. Und er spielte an den Colleges und Universitäten im ganzen Land. Der linke Radiomoderator Studs Terkel sagte später dazu, dass Seeger bei jedem der zahlreich nachfolgenden jungen Folksänger/innen seine Spur hinterlassen hätte, wie das „Kilroy“, dass die US-Soldaten überall hingeschrieben haben, wo sie im 2. Weltkrieg durchgezogen waren.

Seeger hatte in seinem Repertoire eigene Lieder wie das später von den Byrds gecoverte Turn Turn Turn, das auf einem ukrainischen Volkslied basierende Where Have All The Flowers Gone und seit 1967 auch das vom Vietnamkrieg und von einen im ersten Weltkrieg gefallenen poetisch veranlagten Onkel inspirierte Waist Deep in the Big Muddy. Aber er popularisierte vor allem Songs von anderen: Malvina Reynolds‘ Little Boxes über die Konsum-Gleichschaltung der 50er, die Songs der schwarzen Bürgerrechtsbewegung wie We Shall Overcome, Gewerkschaftslieder wie Florence ReeceWhich Side Are You On, und immer wieder die Songs seines alten Kumpels Woody Guthrie, den er nie müde wurde zu preisen, während dieser von der Corea Huntington gezeichnet in verschiedenen Krankenhäusern dem Tode entgegensiechte.


 

Seeger spielte viel im Ausland, wo es keine Beschränkungen und Vorbehalte gegen ihn gab, vor allem in Europa, wo er ein gern gesehener Gast war – nicht nur im Ostblock. Er machte eine Weltreise mit seiner Familie, auf der er mit seiner Frau und seinem ältesten Sohn auch ethnologische Aufnahmen von traditioneller Folkmusik aus aller Herren Länder machte. Ende der 50er fiel die USA langsam aus dem bleiernen Schlaf des Antikommunismus. Eine neue Folkszene, die eine Dekade unter dem Radar geschlummert hatte, kam aus ihrem Versteck gekrochen. Sie war weniger politisch als ihre Vorgänger, es ging mehr als Lebensstil. Jedoch gab es eine vage linke, progressive Haltung und viele schlossen sich dem Kampf gegen die Ungleichbehandlung der Afroamerikaner an, der die 50er und 60er als politisches Thema bestimmte.

Seeger war überall dabei und durchaus geschätzt, aber der Held der Jungen war Woody Guthrie: Der lockenköpfige Draufgängertyp mit Jeans und Karohemd war der coolere Typ, nicht der nette, brav wirkende Seeger, ein dürrer langer Nerd mit einem komischen Banjo. Aber sie kannten all die Songs durch Seeger, und er war im Gegensatz zu Guthrie weiter präsent: Er wurde Anfang der 60er Mitorganisator des Newport Folk Festivals und Ende des Jahrzehnts luden ihn von mutigeren, aufgeschlosseneren Kolleg/innen wie Johnny Cash auch wieder in Fernsehshows ein. Er hatte sogar kurzfristig eine eigene Sendung. Aber er erfuhr auch weiterhin Zensur und Ausgrenzung, so weil er sich gegen den Vietnamkrieg engagierte und mit dem Feind, den Viet Cong und den kommunistischen Nordvietnamesen sympathisierte.


 

Viele scherten sich einen Dreck darum, aber der Ruf des Kommunisten hing Seeger immer nach und polarisierte. Er selber hatte sich in den der 50ern von der Kommunistischen Partei entfernt, ohne kommunistische Ideale aufzugeben. Ihm wurde vorgeworfen, dass er sich angeblich erst in den 90ern deutlich von den stalinistischen Verbrechen distanziert hätte. Er konterte mit zwei Gegenargumenten: Jemand wie er, der seine Meinung frei heraus sage und sich für Gerechtigkeit einsetzt wäre als einer der ersten von Stalin inhaftiert worden. Und dann müsse sich doch auch nicht jeder Christ ständig für die Verbrechen der Inquisition rechtfertigen. Seeger stellte fest, dass Meinungsfreiheit und eine freie Presse notwendig seien, damit sich ein Staat sich nicht in Richtung Totalitarismus bewege.
 

Vorreiter im Umweltschutz und Chronist einer vergangenen Ära

In seinen späteren Jahren kam ein weiteres wichtiges Thema zentral in sein Leben: Der Umweltschutz, konkret der im Hudson River. Seeger hatte sich bereits als junger Familienvater gemeinsam mit seiner Frau ein Haus am Fluss gebaut. Dieser verkam mehr und mehr zur Kloake, in der man vor lauter chemischer Verunreinigung kaum noch baden konnte. Die Fische starben. 1966 gründete er mit anderen engagierten Mitstreiter/innen Clearwater. Mit einem Retro-Boot wurde interessierten Menschen die Schönheit des Flusses gezeigt, und auch die Bedrohung durch die ungereinigten Abwässer. So sollten sie bewogen werden, sich für die Reinhaltung des Flusses einzusetzen. Effektiv und sehr erfolgreich wurden die schlimmsten Quellen der Verunreinigung beseitigt und wegweisende lokale und nationale Gesetze zum Gewässerschutz erzwungen, wie der Clean Water Act von 1972. Clearwater hat heute einen internationalen Ruf als wegweisendes Umweltschutzprojekt und wird von einer jüngeren Generation weiter geführt.


 

Auf seine alten Tage wurde Seeger, inzwischen eine nationale Ikone, vor allem zum Chronisten. Seine Geschichten, aber auch seine Songs, waren gerade in der Zeit nach der Finanzkrise wieder besonders gefragt. Sie boten Möglichkeiten eines anderen Amerika, einer anderen Welt an, nach der man nach dem Zusammenbruch dringend suchte. Sie boten Alternativen zur angeblichen Alternativlosigkeit des Neoliberalismus. Auch wenn er in den letzten Jahren kaum noch sang, weil seine Stimme nicht mehr mitmachte, gab er geduldig unzählige Interviews. Bruce Springsteen, der sich nach dem Beginn des Zweiten Irakkriegs entschlossen hatte, seine linke Grundhaltung nicht mehr hinter den Berg zu halten, ehrt ihn und den Geist der Folk-Musik der 1930er schon 2006 mit einem Tribut, The Seeger Sessions. Seeger und Woody Guthries Sohn Arlo schlossen sich der Occupy-Wallstreet-Bewegung an, die die alten Kampflieder wieder entdeckten.

Seeger feierte 2012 mit seinen noch lebenden Weggefährt/innen und jüngeren Nachfolger/innen und Fans den 100. Geburtstag seines Freundes Woody Guthrie. Im vergangenen Jahren starb seine geliebte Frau Toshi, die ihn über 70 Jahre durch alle Höhen und Tiefen begleitet hatte und ihn dabei unterstützte, seine Visionen und Ideen umzusetzen. Sie sagte einmal: „Wenn er wenigstens anderen Frauen hinterherjagen würde anstatt Ideen – dann hätte ich einen Grund, ihn zu verlassen.“ Die Seegers sind ein zäher, langlebiger Clan – aber jetzt war es offenbar auch für ihn Zeit zu gehen. Er hinterlässt eine große Schar an Kindern, Enkeln und Urenkeln unterschiedlichster ethnischer Mischungen. Sein größtes Vermächtnis sind die Folksongs, und der Geist, der in ihnen steckt.

Website von Pete Seeger

Zuerst veröffentlicht auf Popkontext.de

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Pofalla-Scherz: Satiremagazin Postillon stellt alle bloß

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Das Satiremagazin Postillon hat sich im vergangenen Jahr zum Renner im deutschsprachigen Internet entwickelt: Mit großer Klugheit und Treffsicherheit kommentiert Macher Stefan Sichermann die aktuelle politische Lage. Zurecht kann er inzwischen von seinem Blog leben und ist mit seinem Magazin ein kleiner Star geworden.

Screenshot Postillon

Screenshot Postillon

Heute jedoch landete er seinen bislang größten Coup. Ihm war offenbar auch aufgefallen, dass die aktuelle Politik so absurd ist, dass selbst die beste Satire nicht mithalten kann. Zudem treibt das System des ungeprüften „Abschreibens“ der Medien und sogar Agenturen untereinander immer unfasslichere Blüten.

So kopierte Sichermann schlichtweg die Pressemeldungen zum Wechsel des ehemaligen CDU-Kanzleramtsministers Ronald Pofalla zur Deutschen Bahn und datierte den „exklusiven“ Blogeintrag einen Tag zurück. Damit löste er eine Empörungswelle im Netz aus, wie die „Mainstreammedien“ denn auf ein Satiremagazin hereinfallen könnten. Allerdings bekam er auch bald irritierte Nachfragen von den Medien selber. Offenbar konnte man sich dort auch vorstellen, dass man auf eine Satiremeldung hereingefallen war.

So hat der Postillon gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Wenn so vielen Leuten der Postillon als das glaubwürdigste Medium erscheint, sagt das viel über a) die aktuelle Politik, b) den aktuellen Zustand der Medien, aber c) auch was über die so genannte „Schwarmintelligenz“, die alles glaubt, was gegen „Mainstreammedien“ (oder schlimmer „Systempresse„) geht.

Demnächst mehr dazu, wie man Quellen und die Plausibilität von Nachrichten bewertet hier auf Wortbetrieb.

Update: Die Rheinzeitung hat die Diskussion auf Twitter, wo es das Thema auf Platz eins der trending topics in Deutschland schaffte, noch einmal schön zusammengefasst.

Zuerst veröffentlicht auf Popkontext.

postillon profalla

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Facebook – Dank neuem Algorithmus noch schlechtere Fanpage-Reichweite

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Manche User/innen setzen allein auf Facebook-Pages, um ihre Aktivitäten an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Das war schon immer ein Fehler – denn Facebook und andere Social Media sind vor allem ein Mittel, um auf aktuelle Aktivitäten hinzuweisen, zusätzlich zum eigenen Blog / zur eigenen Website.

Titel der Facebookseite von Wortbetrieb

Titel der Facebookseite von Wortbetrieb

Jetzt hat Facebook seinen Algorithmus so geändert, dass es noch schwieriger ist, die „Fans“ zu erreichen. Denn allein mit einer hohen Zahl an Likes ist es nicht getan – die Posts müssen auch von den potentiellen Interessent/innen wahrgenommen werden. Mit dem neuen Algorithmus wird die Reichweite von Facebookseiten stärker beschränkt, und die Postings von „Freunden“ werden gestärkt. Zugegeben entspricht das der Grundidee von Facebook. Deshalb bekommt auch ein User, der häufig eine bestimmte Facebook-Page anklickt, kommentiert, liked, die Meldungen dieser Seite häufiger zu Gesicht als jemand, der nicht mit ihr interagiert, weil Facebook sie dann eher als „Freundin“ des / der User/in betrachtet. So ist es auch hilfreich, die „Fans“ zum Mitmachen anzuregen, z.B. dadurch, ihre Meinung zu erfragen (was generell auch interessant ist).

So macht die Nutzung von Facebook nur noch Sinn, wenn einzelne User über eine Veranstaltung, einen neuen Blogpost etc. berichten, so dass deren „Freunde“ die Post sehen. Oder man bezahlt bei Facebook für die Posts – dazu regt Facebook die Seitenbetreiber schon seit einiger Zeit verstärkt an. Ob sie dann allerdings angenommen werden ist fraglich, weil bezahlte Posts oft abgelehnt werden, weil sie als (ungebetene) Werbung wahrgenommen werden.

Für Menschen, die an bestimmten Seiten und Blogs interessiert sind, empfiehlt sich immer noch das gute alte RSS-Feed, wenn sie auf dem Laufenden bleiben wollen.

Genaueres zum Thema finden Sie u.a. hier:

Mehr zu Facebook-Pages auf Wortbetrieb hier, Tipps, wie man einen Blog gestaltet hier.

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Tipp für Freund/innen der Sprache: Das Sprachlog

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Das Sprachlog ist ein von drei Sprachforscher/innen betriebener Wissenschaftsblog, in dem es auf unterhaltsame und informative Weise rund um das Lieblingsthema der Macher/innen geht. Susanne Flach und Anatol Stefanowitsch sind am Institut für Englische Philologie der FU Berlin tätig, Kristin Kopf betreibt historische Sprachwissenschaft im Fachbereich Philosophie und Philologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

sprachlog

Sie befassen sich mit Struktur und Veränderung vor allem der deutschen Sprache, berichten von Veranstaltungen, rezensieren Publikationen und zeichnen seit 2010, dem Jahr der Gründung des Sprachlogs, auch den „Anglizismus des Jahres“ aus. Damit haben die Betreiber/innen bereits in den drei Jahren der Existenz des Blogs einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um Sprache in der Gesellschaft auch jenseits der Universitäten geleistet. Stefanowitsch, der sich selber als Sozialwissenschaftler sieht, hatte bereits 2007 anlässlich des Jahres der Geisteswissenschaften mit dem Bremer Sprachblog das erste sprachwissenschaftliche Blog auf Deutsch gegründet.

Beim Sprachlog geht es nicht um Verstaubtes und das zwanghafte Bewahren von Althergebrachtem, sondern darum, die Entwicklung der Sprache positiv, fachliche fundiert und keineswegs furztrocken zu betrachten, sie als etwas Lebendiges zu sehen, was immer Veränderungen unterlag und es in Zeiten der Globalisierung um so mehr tut. Die Wissenschaftler/innen bemühen sich um Allgemeinverständlichkeit, ohne dabei in Plattheit, Paternalismus oder Anbiederei an ein eine vermeintlich völlig dämliche Masse abzudriften.

>> zum Sprachlog Blog

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Ben Schott – Schottenfreude: New German Words for the Human Condition

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Welche Qual, aber auch wie viel Spaß englische Muttersprachler/innen am Deutschen haben, wenn sie es als Fremdsprache erlernen, hat vor fast 150 Jahren bereits Mark Twain demonstriert: In seinem Aufsatz The Awful German Language (Die schreckliche deutsche Sprache) verarbeitet er seinen Kampf mit den grammatischen Tücken, aber auch den zusammengesetzten Substantiven, die es im Englischen nicht gibt. Neben den Satzkonstruktionen, den Artikeln und den Fällen sind sie für die Lernenden das Absurdeste an der deutschen Sprache. Twain nannte sie „alphabetische Prozessionen“, und sie sorgen bis heute für viel Amüsement – wenn man den Humor mitbringt.

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Schottenfreude: German Words for the Human Condition

Den hat der Engländer Ben Schott auf jeden Fall. Der Fotograf und Autor, der mit der Quasi-Enzeklopädie Schott’s Original Miscellany (Schotts Sammelsurium) einen Überraschungserfolg gelang, treibt in seinem neuen Buch Schottenfreude die Schlangenwortkonstruktionen noch auch die Spitze Er erfindet neue Wortungetüme für ganz spezielle menschliche Empfindungen und Situationen. „Die deutsche Sprache ist so schrecklich, dass sie für alles nur Denkbare auch ein eigenes Wort hat“, sagt Ben Schott. Die Engländer/innen können hier in ihrer Muttersprache oft nur beschreiben – die Deutschen haben ein zusammengesetztes Substantiv parat, dass man mit der entsprechenden Phantasie immer wieder passend neu erfinden kann.

Es klingt dann im Zweifel nicht nur für die Nichtmuttersprachler/innen absurd, wenn Schott sich neue deutsche Monsterwörter ausdenkt, oft knapp an den gängigen Wörtern vorbei, wie die titelgebende SCHOTTENFREUDE oder der BESSERWINZER, der mit seinem Wissen über Wein angibt. Schott findet auch ein schönes Wort für die Unsitte, einen Witz einfach immer wieder zu erzählen, bis jemand lacht: die WITZBEHARRSAMKEIT. Oder die angenehme Empfindung, am eigenen Geburtstag etwas Besonderes zu sein: das EXTRAWURSTTAGSGEFÜHL.

Die Promoabteilung des Verlags hatte offenbar auch Spaß daran, Schotts Gedankengänge aufzunehmen und bescheinigt ihm „Wortschatzfreude“, der er freien Lauf gelassen habe. Da es das Buch auch auf Deutsch gibt, sollte man sich nicht wundern, wenn noch mehr Deutsche angeregt werden, ihrer eigenen Muttersprache mit mehr Phantasie zu begegnen und in nächster Zeit ganz merkwürdige neue deutsche Wörter auftauchen.

Ben Schott – Schottenfreude: Meisterwerke der deutschen Sprache, 96 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, VÖ 28. Oktober 2013), ISBN-10: 3813506029
ISBN-13: 978-3813506020
Ben Schott – Schottenfreude: German Words for the Human Condition, Blue Rider Press (October 31, 2013), ISBN-10: 039916670X, ISBN-13: 978-0399166709


Ein Ausschnitt aus dem Buch in der New York Times (English)

Website von Ben Schott

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