The Orange Clown – Donald Trump und der Ku-Klux-Klan

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Der Albtraum vieler Amerikaner scheint wahr zu werden – Donald Trump hat die besten Chancen, Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden. Mit seiner groben Art, die absichtlich gesellschaftliche Konventionen ignoriert und einem ungeschminkt präsentierten Rassismus gegen Minderheiten, von denen sich vor allem die weiße Unterschicht bedroht fühlt, konnte er ein breites Spektrum mit den gesellschaftlichen Umständen unzufriedenen US-Amerikaner aus dem rechten Milieu um sich scharen. Für diese ist er, der vermeintliche Self-Made-Milliardär, die Verkörperung des Amerikanischen Traums.

Er redet wie sie, will die Muslime aus dem Land verbannen und eine Mauer gegen die illegalen Einwanderer aus dem Süden bauen. Er beleidigt Andere ohne Rücksicht auf Verluste. Trump gilt als unabhängig, weil er im Gegensatz zu anderen das nötige Kleingeld hat, den Millionen verschlingenden Wahlkampf selber zu finanzieren.

Sowohl für das Establishment als auch politisch gemäßigtere und linke Bürger dagegen ist er der blanke Horror: Seine Anhänger gelten als verblödete Rassisten und Irre jeglicher Couleur, ihm werden faschistoide Tendenzen und ein Verrat an den Amerikanischen Idealen nachgesagt. Michael Stipe von der Band REM, der sich verbat, dass seine Musik auf Trumps Veranstaltungen läuft, nannte ihn schlicht einen „orangenen Clown“, weil Trumps Gesichtshaut einen leicht orangen Teint hat. Auch über Trumps merkwürdige Frisur reißen die Leute Witze.

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Wenig überraschend wurde er jetzt auch vom Rassisten und Antisemiten David Duke, einst führendes Mitglied des Ku-Klux-Klan, seinen Anhängern als unterstützenswert empfohlen. Als Jake Tapper vom CNN ihn am Sonntag mit dieser Empfehlung konfrontierte und Trump fragte, ob er sich von Duke abgrenze, gab Trump vor nicht zu wissen, wer Duke sei. Auch als Tapper deutlicher machte: Vertreter der weißen Vorherrschaft, Ku-Klux-Klan, wich Trump aus. Er müsse sich erst genau anschauen, um welche Gruppen es sich handele, ehe er sich abgrenze. Später sprach er sich in einem Tweet gegen die unfreiwillige Umarmung durch Duke aus.

Dass er Duke nicht kenne, nahm ihm aber kaum jemand ab, zumal er sich schon 2000 bei seinem ersten Versuch einer Prsäsidentschaftskandidatur mit der Reform Party von ihm abgegrenzt hat. Duke war damals ebenfalls dieser Partei beigetreten. So bleibt zu vermuten, dass Trump nicht auf die Stimmen dieses Klientels verzichten wollte, wenn es darum geht, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Weiterhin fand er es auch nicht weiter schlimm, als man ihn darauf hinwies, dass er ein Zitat des italienischen Faschistenführers Mussolini weiter getweetet hatte: Ist doch egal von wem, Hauptsache das Zitat ist gut, meinte er lapidar dazu.

Aktuell sieht es so aus, als ob die Favoritin Hillary Clinton trotz unerwartet starker Konkurrenz durch den Außenseiter Bernie Sanders die besten Chancen hat, Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei zu werden. Damit würde sich die Partei, die ebenso wie die Republikaner mit einem essentiellen Richtungsstreit kämpft, aber möglicherweise ins eigene Fleisch schneiden. Da derzeit auch in der US-Bevölkerung ein sehr starkes Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien besteht, ist Sanders in nationalen Umfragen deutlich beliebter als die umstrittene Clinton. In Wahlumfragen liegt er derzeit mit sechs Prozentpunkten vor Trump, während es bei Clinton lediglich einer ist. Am morgigen Super-Tuesday, bei dem die Bevölkerung elf weiteren Bundesstaaten über die von ihnen favorisierten Kandidaten der jeweiligen Parteien entscheiden werden, wird sich das Bild verfestigen.

Der amerikanisch-britische Satiriker John Oliver über Donald Trump:

Besuch einer Wahlkampfveranstaltung von Trump:

TRUMP RALLY from Sean Dunne on Vimeo.

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Pete Seeger – Die gute Seele Amerikas

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Der US-amerikanische Musiker und Aktivist Pete Seeger hat fast ein Jahrhundert US-amerikanischer Geschichte miterlebt – und mitgeprägt. Am vergangenen Montag starb er in seiner Heimatstadt New York.

Seinen politisch und vielleicht auch menschlich erfüllendsten Moment erlebte Pete Seeger wohl bei der Amtseinführung Obamas 2009. Der alte Herr stand an diesem kalten Januarnachmittag mit seiner bunten Bommelmütze vor dem Capitol, hinter ihm ein Chor aus jungen Amerikaner/innen jeglicher ethnischer Herkunft. Neben ihm ein aus seiner Perpektive jungen Mann, mit dem er nicht nur die Bühne, sondern auch eine Vision teilte: Bruce Springsteen.

Gemeinsam sangen sie vor einem weltweiten Publikum einen Song seines alten Freundes Woody Guthrie – This Land Is Your Land. Seeger hatte darauf bestanden, dass sie alle sechs Strophen singen, auch die, welche bei dieser heimlichen zweiten Nationhymne der USA meistens weggelassen werden. Darin geht es darum, dass die Menschen in diesem reichen Land in Suppenküchenschlangen stehen müssen. Inspiriert von der Großen Depression der 1930er, waren diese Zeilen in der Finanzkrise wieder hoch aktuell, ebenso die Zeilen, die an einer grundamerikanischen Idee kratzten, der vom Privateigentum: „A sign was painted said: Private Property /But on the back side it didn’t say nothing / This land was made for you and me.“ Hier stand Seeger und konnte im Zentrum der Macht ungehindert von den Werten erzählen, für die er sein Leben lang gekämpft hat, oft gegen heftige Widerstände und unter schweren staatlichen Repressionen. Jetzt war er auf Einladung des Präsidenten hier, des ersten Afroamerikaners im Weißen Haus, in den viele Progressive enorme Hoffnungen steckten.


 

Ein Mann aus einer anderen Zeit

Pete Seeger stammte aus einer anderen Zeit. Er war geprägt von den sozialen und politischen Kämpfen der Großen Depression, der US-amerikanischen Ausformung der Weltwirtschaftskrise, die sich von den frühen 30ern bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hinzog. In dieser Zeit erlebte das Land einen politischen Linksruck: Der ungezügelte Kapitalismus hatte offensichtlich versagt und Leid über die Menschen des Landes gebracht. Die gerade geborene Sowjetunion schien vielen als eine gesellschaftliche Alternative. Kommunisten und andere Linke organisierten starke Gewerkschaften – die mächtigste wurde die radikale CIO, die auch die Ungelernten, frisch Eingewanderten und Nichtweißen ohne Einschränkungen aufnahm. Auch viele Künstler/innen sympathisierten mit linken Idealen.

Der neue Präsident Franklin D. Roosevelt trug dem Rechnung. Er schaffte zwar den Kapitalismus nicht ab, sondern rettete ihn quasi, aber er setzte neben den wirtschaftlichen viele wichtige soziale Reformen durch, die in Europa zum Teil schon lange Standard waren. Er bestrafte zudem die Banker und ordnete ein gewaltiges staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm an, das auch Künstler/innen förderte. Viele Künstler/innen sahen sich wiederum als Teil einer Bewegung, die die Gesellschaft verändern, eine bessere Zukunft schaffen will, Autor/innen, Regisseur/innen und Musiker/innen. Zu diesen gehörte der junge Pete Seeger. Es war eine Zeit vor dem Zynismus, die Musik war in der Folkszene so sehr mit ehrlichem politischem Engagement verbunden, dass die weniger politischen Musiker, die traditionelle ländliche US-amerikanische Musik pflegten, sich später mit der Bezeichnung „Country“ abgrenzten, um nicht in Kommunismusverdacht zugeraten.

Foto: Wikipedia / LOC

Pete Seeger 1955 Foto: Wikipedia / LOC


 

Sowohl seine Musik als auch seine Haltung hatte Seeger bereits mit in die Wiege gelegt bekommen: Er war ein so genantes Red-Diaper-Baby, ein in roten Windeln gewickeltes Baby, wie man Leute nannte, deren Eltern überzeugte Kommunisten waren. Seine Eltern kamen aus alt eingesessenen Neu England-Familien, deren Vorfahren bis zur Mayflower zurückreichten und sie so quasi zu amerikanischem Adel machten. Charles Seeger war ein in Harvard und Köln klassisch ausgebildeter Musiker. In Mexiko City geboren, wo sein Vater ein Geschäft hatte, wurde er durch die mexikanische Revolution Anfang des Jahrhunderts politisiert, noch mehr unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs. Auch Mutter Constance war Musikerin und Komponistin.

Sein Vater sprach sich eher zum Leidwesen der Mutter laut und öffentlich für politische und soziale Gerechtigkeit aus. Er redete nicht nur, er handelte auch: Als Seeger ein Baby war, unternahm die gesamte Familie auf Geheiß des Vaters waghalsige Planwagen-Fahrten in die ländlichen Gebiete der Ostküste. Hier wollte er die einfachen Farmer von der glückseeligmachenden Wirkung moderner klassischer Musik überzeugen. Später versuchte Seeger Senior das auch bei den Arbeitern. In beiden Fällen musste er feststellen: Die Leute haben ihre eigene, ebenso gute Musik, mit der sie auch viel mehr anfangen können.
 

Politische Folkmusik als Lebensinhalt

Seeger Junior wandte sich selber recht schnell der ländlichen US-amerikanischen Folklore zu. Nach einen abgebrochenen Harvard Studium begann er Ende der 1930er für Alan Lomax zu arbeiten, der seinem Vater, dem Folkforscher John Lomax, nacheiferte und die Folkabteilung der Library of Congress leitete. Der hatte gerade eine Riesenladung alter Schellackplatten gerettet, die CBS entsorgen wollte, weil sie keiner mehr haben wollte. Seegers Aufgabe war es, diese tausenden 78er-Scheiben durchzuhören, nach Qualität zu beurteilen und nach Art zu sortieren.

Dann kam eins zum anderen: Anfang 1940 lernte er den sieben Jahre älteren Woody Guthrie kennen, einen schrägen, wilden Typen, der gerade Mitten im Winter einmal quer durch die USA nach New York getrampt war. Dieser Frauenheld, der sich nie wusch und sich als abgerockter Hobo gerierte, war eine weitere Offenbarung für den schüchternen, trotz aller Merkwürdigkeiten wohlbehütet-gutbürgerlich aufgewachsenen jungen Seeger. Das ganz Besondere war: Dieser Guthrie stammte wirklich mehr oder weniger vom Land, aus dem Mittelwesten. In Wirklichkeit zwar aus einer Mittelklassefamilie, und aus der Kleinstadt, aber er wusste den einfachen Farmer zu geben, der das Idol der urbanen Ostküsten-Folkszene war. Mit Guthrie reiste Seeger bald selbst als Hobo durch die USA, lernte, aus fahrenden Zügen zu springen, und die Tricks, als Straßen-Musiker Leute für sich zu begeistern. Sie schrieben gemeinsame Songs wie das mitreißende Gewerkschaftslied Union Maid.

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Woody Guthrie // Foto: Library of Congress


 

Die beiden unterschiedlichen Männer wurden lebenslange Weggefährten. Im Sommer nach ihrer erste Bekanntschaft hatte sich der junge Seeger bei diversen ländlichen Festivals bei den Farmern die Technik abgeschaut, wie man das fünfsaitige Folkbanjo mit dem langen Hals richtig spielte. So gewann er musikalische Souveränität und konnte es mit dem routinierten Guthrie aufnehmen. Zunächst spielten sie ab 1941 gemeinsam in den Almanac-Singers, die politische Folkmusik in New York und darüber hinaus bekannt machten.

Damals waren Akustikgitarren, die man durch die Stadt trug, noch so ungewöhnlich wie ein achtköpfiges Tubaorchester, und Seeger sagte, dass Guthrie der erste gewesen wäre, den er mit einer Jeans als Alltagskleidung gesehen hätte. Sie lebten mit ihrem Mitmusiker/innen in einer Kommune nahe dem Central Park, wo sie regelmäßig im Keller für einen kleinen Mitzuschuss öffentlich musizierten, in so genannten Hootenanny. In der Gemeinschaftskasse fand sich trotzdem oft selbst im strengsten Winter nicht genug Geld für die Heizung. Zunächst sangen sie strikt Antikriegssongs, weil sie die Krieg als kapitalistische Profitmaschine sahen – mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion schwenkten sie doch im Sinne des Antifaschismus auf Patriotismus um. Damit waren damit sie kurzfristig nicht nur ganz weit vorn, weil sie schnell aktuelle Songs produzierten, sondern auch sehr beliebt.

Schon davor waren sie auf eine selbst organisierte USA-Tour gegangen, bei der sie nur auf Gewerkschaftsveranstaltungen sangen. Hier machten sie die Erfahrung, dass man sich als urbane/r Mittelklässler/in nicht unbedingt Freunde macht, wenn man sich einfach kleidet wie die Fabrikarbeiter/innen. Die hatten sich für den Anlass nähmlich ihren Sonntagsstaat angezogen und fühlten sich verspottet. Auch die Agentin des FBI, die der Tour heimlich folgte, fand die Band schmuddelig. Es war aber die kommunistische Haltung, die den FBI zum Anlass nahm, ihre Karriere zu torpedieren, als sie schon einen Vertrag mit Decca in der Tasche hatten. Dieses hatte nach längereren bürokratischen Stockungen wie z.B. Platten als „Beweisstücke“, die beim Transport zerbrochen waren, die frühen „unpatriotischen“ Antikriegssongs entdeckt und lancierten eine Zeitungskampagne gegen die Band.


 

Kommerzieller Erfolg und antikommunistische Repressionen

Dann kam der Krieg. Seeger diente im Pazifik, wo er Musik-Workshops gab und Truppenunterhaltung machte. Nach dem Krieg fanden er, Guthrie und andere aus der alten Szene sich wieder zusammen. Und es kam einen neue Generation dazu. Mit People’s Songs gründete man eine Gewerkschaft für Folkmusiker/innen, die auch ein Magazin herausgab und Jobs vermittelte. Zunächst war auch sie sehr erfolgreich, bis wieder die antikommunistische Politik einen Strich durch die Rechnung machte. Der bis heute gültige Taft Hartley Act von 1947 verbot das Engagement von Kommunisten in den Gewerkschaften. Das war das Ende des Geschäftsmodells von People’s Songs, da die kommunistisch geprägten Gewerkschaften ihre Kooperationspartner waren. Jetzt wollte man niemanden mehr engagieren, der mit Kommunismus in Verbindung stehen könnte. Seeger war kurz davor, das Banjo an den Nagel zu hängen und als Arbeiter in einer Dosenfabrik anzufangen, weil er schlichtweg nichts mehr zu Essen hatte und seine Miete nicht mehr zahlen konnte.


 

Da kam ein neues kleines Wunder in sein Leben: Mit seiner neuen Band, The Weavers, hatte er einen völlig unerwarteten Radiohit; Goodnight Irene, geschrieben von seinem Freund, dem afroamerikanischen Musiker Leadbelly. Die Weavers, die sich unpolitischer, kommerziell aufgehübschter globaler Fokmusik verschrieben hatten, wurden plötzlich zu unfasslichen Gagen in die besten Clubs der USA eingeladen. Doch auch hier fielen ihnen auf der Höhe ihrer Popularität die früheren politischen Aktivitäten einzelner Mitglieder auf die Füße: Die finstersten Tage der McCarthy-Zeit hatten begonnen, auch zur Freude des FBI-Chefs J. Edgar Hoover, der schon seit dessen Gründung 1924 auf eine antikommunistische Politik gesetzt hatte.

Künstler/innen, Regisseur/innen und Publizist/innen mit vermeintlichen oder tatsächlichen Sympathien für kommunistische Ideale wurden nun, Anfang der 50er, im ganzen Land auf schwarze Listen gesetzt. Sie verloren ihre Lebensgrundlagen, da niemand sich mehr traute, mit ihnen zu arbeiten. 1955 gelang den Weavers aufgrund des Engagements ihres Managers Harold Leventhal noch einmal ein sensationelles Comeback: Obwohl niemand Räumlichkeiten an Künstler/innen vermieten wollte, die auf der schwarzen Liste standen, gelang es diesem, nicht nur die berühmte New Yorker Carnegie Hall zu bekommen, sondern diese auch innerhalb kürzester Zeit auszuverkaufen. Das Konzert schnitt Leventhal auf eigene Kosten mit. Es wurde später, auf Vinyl gepresst, zum Zeitzeugnis für folgende Generationen.

Foto: Damien Drake

Foto: Damien Drake


 

Saat einer neue Folkmusikgeneration

Bald darauf stand Seeger kurz davor, für lange Jahre ins Gefängnis zu gehen: Er war als Zeuge vor das berüchtigte Büro für unamerikanische Tätigkeiten geladen worden und hatte gewagt, die Aussage zu verweigern – und zwar nicht, weil er sich damit selber gefährden könnte, sondern er berief sich auf die im First Amendment verankerte Meinungsfreiheit. Das wurde als Affront gegen den Ausschuss bewertet. Er entkam dem Gefängnis, aber durfte nur noch für Kinder spielen, weil man ihn dort für ungefährlich hielt. Und er spielte an den Colleges und Universitäten im ganzen Land. Der linke Radiomoderator Studs Terkel sagte später dazu, dass Seeger bei jedem der zahlreich nachfolgenden jungen Folksänger/innen seine Spur hinterlassen hätte, wie das „Kilroy“, dass die US-Soldaten überall hingeschrieben haben, wo sie im 2. Weltkrieg durchgezogen waren.

Seeger hatte in seinem Repertoire eigene Lieder wie das später von den Byrds gecoverte Turn Turn Turn, das auf einem ukrainischen Volkslied basierende Where Have All The Flowers Gone und seit 1967 auch das vom Vietnamkrieg und von einen im ersten Weltkrieg gefallenen poetisch veranlagten Onkel inspirierte Waist Deep in the Big Muddy. Aber er popularisierte vor allem Songs von anderen: Malvina Reynolds‘ Little Boxes über die Konsum-Gleichschaltung der 50er, die Songs der schwarzen Bürgerrechtsbewegung wie We Shall Overcome, Gewerkschaftslieder wie Florence ReeceWhich Side Are You On, und immer wieder die Songs seines alten Kumpels Woody Guthrie, den er nie müde wurde zu preisen, während dieser von der Corea Huntington gezeichnet in verschiedenen Krankenhäusern dem Tode entgegensiechte.


 

Seeger spielte viel im Ausland, wo es keine Beschränkungen und Vorbehalte gegen ihn gab, vor allem in Europa, wo er ein gern gesehener Gast war – nicht nur im Ostblock. Er machte eine Weltreise mit seiner Familie, auf der er mit seiner Frau und seinem ältesten Sohn auch ethnologische Aufnahmen von traditioneller Folkmusik aus aller Herren Länder machte. Ende der 50er fiel die USA langsam aus dem bleiernen Schlaf des Antikommunismus. Eine neue Folkszene, die eine Dekade unter dem Radar geschlummert hatte, kam aus ihrem Versteck gekrochen. Sie war weniger politisch als ihre Vorgänger, es ging mehr als Lebensstil. Jedoch gab es eine vage linke, progressive Haltung und viele schlossen sich dem Kampf gegen die Ungleichbehandlung der Afroamerikaner an, der die 50er und 60er als politisches Thema bestimmte.

Seeger war überall dabei und durchaus geschätzt, aber der Held der Jungen war Woody Guthrie: Der lockenköpfige Draufgängertyp mit Jeans und Karohemd war der coolere Typ, nicht der nette, brav wirkende Seeger, ein dürrer langer Nerd mit einem komischen Banjo. Aber sie kannten all die Songs durch Seeger, und er war im Gegensatz zu Guthrie weiter präsent: Er wurde Anfang der 60er Mitorganisator des Newport Folk Festivals und Ende des Jahrzehnts luden ihn von mutigeren, aufgeschlosseneren Kolleg/innen wie Johnny Cash auch wieder in Fernsehshows ein. Er hatte sogar kurzfristig eine eigene Sendung. Aber er erfuhr auch weiterhin Zensur und Ausgrenzung, so weil er sich gegen den Vietnamkrieg engagierte und mit dem Feind, den Viet Cong und den kommunistischen Nordvietnamesen sympathisierte.


 

Viele scherten sich einen Dreck darum, aber der Ruf des Kommunisten hing Seeger immer nach und polarisierte. Er selber hatte sich in den der 50ern von der Kommunistischen Partei entfernt, ohne kommunistische Ideale aufzugeben. Ihm wurde vorgeworfen, dass er sich angeblich erst in den 90ern deutlich von den stalinistischen Verbrechen distanziert hätte. Er konterte mit zwei Gegenargumenten: Jemand wie er, der seine Meinung frei heraus sage und sich für Gerechtigkeit einsetzt wäre als einer der ersten von Stalin inhaftiert worden. Und dann müsse sich doch auch nicht jeder Christ ständig für die Verbrechen der Inquisition rechtfertigen. Seeger stellte fest, dass Meinungsfreiheit und eine freie Presse notwendig seien, damit sich ein Staat sich nicht in Richtung Totalitarismus bewege.
 

Vorreiter im Umweltschutz und Chronist einer vergangenen Ära

In seinen späteren Jahren kam ein weiteres wichtiges Thema zentral in sein Leben: Der Umweltschutz, konkret der im Hudson River. Seeger hatte sich bereits als junger Familienvater gemeinsam mit seiner Frau ein Haus am Fluss gebaut. Dieser verkam mehr und mehr zur Kloake, in der man vor lauter chemischer Verunreinigung kaum noch baden konnte. Die Fische starben. 1966 gründete er mit anderen engagierten Mitstreiter/innen Clearwater. Mit einem Retro-Boot wurde interessierten Menschen die Schönheit des Flusses gezeigt, und auch die Bedrohung durch die ungereinigten Abwässer. So sollten sie bewogen werden, sich für die Reinhaltung des Flusses einzusetzen. Effektiv und sehr erfolgreich wurden die schlimmsten Quellen der Verunreinigung beseitigt und wegweisende lokale und nationale Gesetze zum Gewässerschutz erzwungen, wie der Clean Water Act von 1972. Clearwater hat heute einen internationalen Ruf als wegweisendes Umweltschutzprojekt und wird von einer jüngeren Generation weiter geführt.


 

Auf seine alten Tage wurde Seeger, inzwischen eine nationale Ikone, vor allem zum Chronisten. Seine Geschichten, aber auch seine Songs, waren gerade in der Zeit nach der Finanzkrise wieder besonders gefragt. Sie boten Möglichkeiten eines anderen Amerika, einer anderen Welt an, nach der man nach dem Zusammenbruch dringend suchte. Sie boten Alternativen zur angeblichen Alternativlosigkeit des Neoliberalismus. Auch wenn er in den letzten Jahren kaum noch sang, weil seine Stimme nicht mehr mitmachte, gab er geduldig unzählige Interviews. Bruce Springsteen, der sich nach dem Beginn des Zweiten Irakkriegs entschlossen hatte, seine linke Grundhaltung nicht mehr hinter den Berg zu halten, ehrt ihn und den Geist der Folk-Musik der 1930er schon 2006 mit einem Tribut, The Seeger Sessions. Seeger und Woody Guthries Sohn Arlo schlossen sich der Occupy-Wallstreet-Bewegung an, die die alten Kampflieder wieder entdeckten.

Seeger feierte 2012 mit seinen noch lebenden Weggefährt/innen und jüngeren Nachfolger/innen und Fans den 100. Geburtstag seines Freundes Woody Guthrie. Im vergangenen Jahren starb seine geliebte Frau Toshi, die ihn über 70 Jahre durch alle Höhen und Tiefen begleitet hatte und ihn dabei unterstützte, seine Visionen und Ideen umzusetzen. Sie sagte einmal: „Wenn er wenigstens anderen Frauen hinterherjagen würde anstatt Ideen – dann hätte ich einen Grund, ihn zu verlassen.“ Die Seegers sind ein zäher, langlebiger Clan – aber jetzt war es offenbar auch für ihn Zeit zu gehen. Er hinterlässt eine große Schar an Kindern, Enkeln und Urenkeln unterschiedlichster ethnischer Mischungen. Sein größtes Vermächtnis sind die Folksongs, und der Geist, der in ihnen steckt.

Website von Pete Seeger

Zuerst veröffentlicht auf Popkontext.de

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Ein Buch aus einer anderen Zeit

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Heute habe ich Post bekommen. Es roch schon nach alt, als ich das Päckchen öffnete. Ich zog ein siffiges Buch aus dem Umschlag, das schon halb auseinander fiel. Ich war gerührt. Mehrfach hatte ich es in Antiquariaten bestellt, nie war es angekommen – jetzt hielt ich es in den Händen.

Joy Homer - Dawn Watch in China

Joy Homer – Dawn Watch in China, 1941

Zum ersten mal hatte ich von der Autorin gehört, als ich selber mein erstes Buch schrieb – über den US-amerikanischen Folkmusiker Woody Guthrie. Joy Doerflinger war die Lektorin, die wieder dessen erstes Buch, die romanhafte Autobiografie Bound for Glory, auf Trab bracht. Der zerstreute Guthrie produzierte endlos Texte, bekam aber nicht in Griff, sie zu strukturieren. Von Guthries Frau vorsortiert, machte sich Doerflinger, die Frau des Lektors des Verlags E. P. Dutton, William Doerflinger, daran, das Buch für die Leser/innen zugänglich zu machen. Sie musste so viel Arbeit investieren, dass sie 20% der Einnahmen verlangte. Besonders das Ende war so zerfasert, dass sie auf fiktionale Geschichten für die ohnehin wenig authentischen Biografie zurückgriff. Das Buch wurde ein Riesenerfolg – schon in der ersten Woche verkauften sich 10 000 Exemplare und es gilt bis heute als wichtiges Zeitzeugnis von hoher literarischer Qualität.

Doerflinger war noch unter ihrem „Mädchennamen“ Homer zwei Jahre zuvor selber als Autorin hervorgetreten – sie hatte ein politisches Buch über das China geschrieben, das sie 1939 bereist hatte, in einer hochinteressanten Zeit: Damals waren nicht nur die kommunistischen Truppen Maos bereits zu einer entscheidende Macht geworden, sondern sie bildeten mit ihrem internen Feind, den bürgerlichen Kuomintang, ein wackelige Einheitsregierung, um den Angriff der japanischen Truppen auf die Nation abzuwehren. Homer reiste trotz der heiklen Lage quer durchs Land und schrieb für ihre US-amerikanischen Landsleute auf, was sie beobachtet hatte. Damals fand das Buch sehr hohe Anerkennung, weil im Westen wenig bekannt war, was im Fernen Osten passierte – heute ist es ein wichtiges Zeitzeugnis.

Das Buch sollte Doerflingers Vermächtnis werden. Die kluge, adrette bürgerlich Frau, die noch zu Silvester 1943 / 44 mit dem schmuddeligen und schrägen Woody Guthrie und dessen Mitmusiker und Saufkumpan Cisco Houston durch die Kneipen von Manhattan gezogen war, wurde bald schwer krank und verstarb Mitte der 1940er Jahre.

Gern wüßte ich noch viel mehr über das Leben dieser interessanten Frau, die offenbar engagiert, neugierig und zupackend war, und in einer Zeit etwas Besonderes geleistet hat, als es keineswegs normal für eine Frau war, so eine Karriere zu verfolgen. Gern hätte ich sie interviewt, vielleicht hätten wir und gut verstanden und kennengelernt. Jetzt werde ich mich erstmal in ihre Worte und Beobachtungen aus dem China aus einer ebenso fernen Zeit vertiefen, als vieles noch unschuldiger schien und Hoffnung bestand, dass das Gute siegen wird – deshalb Dawn Watch in China, das Beobachten des Sonnenaufgangs im Osten.

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Mark Twain und die deutsche Sprache

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„Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist.“ schrieb Mark Twain in seinem extrem lustigen, aber auch erhellenden Aufsatz aus dem Jahr 1880, Die schreckliche deutsche Sprache (The Awful German Language), „Es gibt mehr Ausnahmen zu den Regeln als Beispiele dafür.“ Der große US-amerikanische Schriftsteller hatte kurz zuvor während einer zweijährigen Europareise u.a. in Heidelberg versucht, unsere Muttersprache zu lernen.

Mark Twain / Quelle: Wikipedia, Library of Congress

Mark Twain / Quelle: Wikipedia, Library of Congress

Er verzweifelte an den im Englischen unbekannten Fällen, der unlogischen Zuordnung der Geschlechter für unbelebte Dinge, für die seine Muttersprache nur das – logische – „it“ („es“) kennt, an der oft auch ausgeschöpften Möglichkeit im Deutschen, Substantive endlos aneinander zu reihen, um ein neues daraus zu bilden – und vor allem an der Länge der Sätze, wo sich ein Teil des Verbs, auch anders als im Englischen, am Ende des Satzes anfindet.

Zumindest Letzteres hat sich in den letzten über 100 Jahren geändert: Für die zweite Hälfte des Verbs muss sich der Lernende zwar immer noch bis zum Ende des Satzes gedulden – aber es gilt, anders als zu Twains Zeiten, nicht mehr als Zeichen von großer Bildung, elendig lange und gesteltzte Schlangensätze zu formulieren. Heute sieht man es als guter Stil an, kurz und prägnant auf den Punkt zu kommen – auch so eine Eigenschaft der Deutschen, die in anderen Kulturen oft mit Befremden wahrgenommen wird.

Mark Twain gab trotz aller Widrigkeiten nicht auf und hielt knapp 20 Jahre später in Wien sogar eine ganze selbstverfasste Rede auf  Deutsch, vor Germanisten. Er hatte sie fein säuberlich schriftlich ausgearbeitet, sprach dann angeblich aber doch frei. Zudem setzte er sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft ein, denn das Erlernen einer Sprache, ob erfolgreich oder nicht, fördert auch immer das Verständnis für die jeweilige andere Kultur.

Wie man die „schreckliche deutsche Sprache“ in Griff bekommt, und sich verständlich und elegant ausdrückt, kann man lernen, als Muttersprachler und jemand, für den Deutsch eine Fremdsprache ist. Mark Twains Bemühungen führten damals „nur“ zu einem großartigen, bis heute viel und gern zitierten Aufsatz, den man unten in der deutschen Übersetzung und im Englischen Original lesen kann – die Sprache beherrschte er nie. Wenn Sie weiter kommen wollen, schauen Sie sich unsere Angebote an – z.B. die Schreibwerkstatt, die sich vor allem an Muttersprachler und Menschen wendet, die Deutsch schon gut beherrschen, aber noch einen Feinschliff brauchen, um sich in der richtigen Situation passend und elegant auszudrücken.


Mark Twain – Die schreckliche deutsche Sprache (PDF)
Mark Twain – The Awful German Language (English Original)

Hier eine Jubiläums-Broschüre der US-Botschaft mit mehr Texten von Twain auf Deutsch, Denglisch und mit Bezug aufs Deutsche. Sehr lesenswert auch das biografische Essay zu Twains Beziehung zur deutschen Sprache.

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