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Ben Schott – Schottenfreude: New German Words for the Human Condition

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Welche Qual, aber auch wie viel Spaß englische Muttersprachler/innen am Deutschen haben, wenn sie es als Fremdsprache erlernen, hat vor fast 150 Jahren bereits Mark Twain demonstriert: In seinem Aufsatz The Awful German Language (Die schreckliche deutsche Sprache) verarbeitet er seinen Kampf mit den grammatischen Tücken, aber auch den zusammengesetzten Substantiven, die es im Englischen nicht gibt. Neben den Satzkonstruktionen, den Artikeln und den Fällen sind sie für die Lernenden das Absurdeste an der deutschen Sprache. Twain nannte sie „alphabetische Prozessionen“, und sie sorgen bis heute für viel Amüsement – wenn man den Humor mitbringt.

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Schottenfreude: German Words for the Human Condition

Den hat der Engländer Ben Schott auf jeden Fall. Der Fotograf und Autor, der mit der Quasi-Enzeklopädie Schott’s Original Miscellany (Schotts Sammelsurium) einen Überraschungserfolg gelang, treibt in seinem neuen Buch Schottenfreude die Schlangenwortkonstruktionen noch auch die Spitze Er erfindet neue Wortungetüme für ganz spezielle menschliche Empfindungen und Situationen. „Die deutsche Sprache ist so schrecklich, dass sie für alles nur Denkbare auch ein eigenes Wort hat“, sagt Ben Schott. Die Engländer/innen können hier in ihrer Muttersprache oft nur beschreiben – die Deutschen haben ein zusammengesetztes Substantiv parat, dass man mit der entsprechenden Phantasie immer wieder passend neu erfinden kann.

Es klingt dann im Zweifel nicht nur für die Nichtmuttersprachler/innen absurd, wenn Schott sich neue deutsche Monsterwörter ausdenkt, oft knapp an den gängigen Wörtern vorbei, wie die titelgebende SCHOTTENFREUDE oder der BESSERWINZER, der mit seinem Wissen über Wein angibt. Schott findet auch ein schönes Wort für die Unsitte, einen Witz einfach immer wieder zu erzählen, bis jemand lacht: die WITZBEHARRSAMKEIT. Oder die angenehme Empfindung, am eigenen Geburtstag etwas Besonderes zu sein: das EXTRAWURSTTAGSGEFÜHL.

Die Promoabteilung des Verlags hatte offenbar auch Spaß daran, Schotts Gedankengänge aufzunehmen und bescheinigt ihm „Wortschatzfreude“, der er freien Lauf gelassen habe. Da es das Buch auch auf Deutsch gibt, sollte man sich nicht wundern, wenn noch mehr Deutsche angeregt werden, ihrer eigenen Muttersprache mit mehr Phantasie zu begegnen und in nächster Zeit ganz merkwürdige neue deutsche Wörter auftauchen.

Ben Schott – Schottenfreude: Meisterwerke der deutschen Sprache, 96 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, VÖ 28. Oktober 2013), ISBN-10: 3813506029
ISBN-13: 978-3813506020
Ben Schott – Schottenfreude: German Words for the Human Condition, Blue Rider Press (October 31, 2013), ISBN-10: 039916670X, ISBN-13: 978-0399166709


Ein Ausschnitt aus dem Buch in der New York Times (English)

Website von Ben Schott

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Mark Twain und die deutsche Sprache

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„Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist.“ schrieb Mark Twain in seinem extrem lustigen, aber auch erhellenden Aufsatz aus dem Jahr 1880, Die schreckliche deutsche Sprache (The Awful German Language), „Es gibt mehr Ausnahmen zu den Regeln als Beispiele dafür.“ Der große US-amerikanische Schriftsteller hatte kurz zuvor während einer zweijährigen Europareise u.a. in Heidelberg versucht, unsere Muttersprache zu lernen.

Mark Twain / Quelle: Wikipedia, Library of Congress

Mark Twain / Quelle: Wikipedia, Library of Congress

Er verzweifelte an den im Englischen unbekannten Fällen, der unlogischen Zuordnung der Geschlechter für unbelebte Dinge, für die seine Muttersprache nur das – logische – „it“ („es“) kennt, an der oft auch ausgeschöpften Möglichkeit im Deutschen, Substantive endlos aneinander zu reihen, um ein neues daraus zu bilden – und vor allem an der Länge der Sätze, wo sich ein Teil des Verbs, auch anders als im Englischen, am Ende des Satzes anfindet.

Zumindest Letzteres hat sich in den letzten über 100 Jahren geändert: Für die zweite Hälfte des Verbs muss sich der Lernende zwar immer noch bis zum Ende des Satzes gedulden – aber es gilt, anders als zu Twains Zeiten, nicht mehr als Zeichen von großer Bildung, elendig lange und gesteltzte Schlangensätze zu formulieren. Heute sieht man es als guter Stil an, kurz und prägnant auf den Punkt zu kommen – auch so eine Eigenschaft der Deutschen, die in anderen Kulturen oft mit Befremden wahrgenommen wird.

Mark Twain gab trotz aller Widrigkeiten nicht auf und hielt knapp 20 Jahre später in Wien sogar eine ganze selbstverfasste Rede auf  Deutsch, vor Germanisten. Er hatte sie fein säuberlich schriftlich ausgearbeitet, sprach dann angeblich aber doch frei. Zudem setzte er sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft ein, denn das Erlernen einer Sprache, ob erfolgreich oder nicht, fördert auch immer das Verständnis für die jeweilige andere Kultur.

Wie man die „schreckliche deutsche Sprache“ in Griff bekommt, und sich verständlich und elegant ausdrückt, kann man lernen, als Muttersprachler und jemand, für den Deutsch eine Fremdsprache ist. Mark Twains Bemühungen führten damals „nur“ zu einem großartigen, bis heute viel und gern zitierten Aufsatz, den man unten in der deutschen Übersetzung und im Englischen Original lesen kann – die Sprache beherrschte er nie. Wenn Sie weiter kommen wollen, schauen Sie sich unsere Angebote an – z.B. die Schreibwerkstatt, die sich vor allem an Muttersprachler und Menschen wendet, die Deutsch schon gut beherrschen, aber noch einen Feinschliff brauchen, um sich in der richtigen Situation passend und elegant auszudrücken.


Mark Twain – Die schreckliche deutsche Sprache (PDF)
Mark Twain – The Awful German Language (English Original)

Hier eine Jubiläums-Broschüre der US-Botschaft mit mehr Texten von Twain auf Deutsch, Denglisch und mit Bezug aufs Deutsche. Sehr lesenswert auch das biografische Essay zu Twains Beziehung zur deutschen Sprache.

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